Der wirkliche Wert der Künstlichen Intelligenz

Nach Schätzungen der global tätigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC beläuft sich der potenzielle Beitrag der Künstlichen Intelligenz (KI) zur Weltwirtschaft im Falle einer konsequenten Anwendung auf wahrhaft vielversprechende 13,4 Billionen EUR in den kommenden zwölf Jahren. Für Deutschland wird der Beitrag der KI zum BIP im selben Zeitraum auf 11,3 % geschätzt. Welchen Wert bringt die Entwicklung von KI also wirklich mit sich und welche Industrien profitieren am meisten?

Top article

Die Pioniere der KI revolutionieren ganze Sektoren – und das schon seit einer ganzen Weile. Während sich ein Großteil der Welt in den Kinos an der Geschmeidigkeit von KITT in „Knight Rider“, der kalten Logik von Hal-9000 in „2001“ und Kevin Spaceys witzigem Spybot GERTY in „Moon“ erfreute, arbeiteten die Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) bereits seit den 1980er Jahren daran, Maschinen das Denken beizubringen. Mit mehr als 900 Beschäftigten ist das DFKI das weltgrößte Forschungszentrum in seinem Gebiet und das Verzeichnis der Anteilseigner liest sich wie das Who is Who? der Technikgiganten: Microsoft, Google, Intel und Airbus sind allesamt Teilhaber. Doch auch ähnliche Forschungszentren entstehen nun in ganz Deutschland: Max-Planck-Institute, Fraunhofer Institute und natürlich der Digital Hub in Karlsruhe.

Die digitale Revolution umfasst u. a. die Bereiche Industrie 4.0, autonomes Fahren, Big Data, Energieeffizienz, Stadtplanung, Einzelhandel und Wirtschaftsaktivitäten und hat die KI in den letzten Jahren weit über die Grenzen des einen Forschungsinstituts hinausgeführt. Die gesamte Forschung konzentriert sich nun auf eine einzige Frage: Wie kann KI genutzt werden, um international erfolgreiche deutsche Branchen, Dienstleistungen und Produkte noch weiter zu verbessern?

Zur Beantwortung dieser Frage hat die Bundesregierung im November 2018 eine mutige Absichtserklärung in diesem Sinne abgegeben und für die kommenden sechs Jahre insgesamt drei Milliarden Euro an öffentlichen Investitionen in diesem Bereich angekündigt. Wie aus dem zeitgleich mit der Ankündigung veröffentlichten etwa 80-seitigen Strategiepapier der Bundesregierung hervorgeht, soll ein Teil dieser Förderung für die Schaffung von etwa 100 Lehrstühlen auf dem Gebiet genutzt werden. Erklärtes Ziel des Dokuments und der zugrundeliegenden Strategie: KI Made in Germany zu einem weltweit anerkannten Qualitätssiegel zu machen.

Während immer mehr Forschungsinstitute aus dem Boden sprießen und die Zahl der wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüche exponentiell steigt, halten die deutschen Unternehmen bei der Einführung Künstlicher Intelligenz nicht mit dem vorgelegten Tempo mit. Das ist zum einen auf simple finanzielle Gründe zurückzuführen – es braucht Zeit, das Geld für ein gutes, solides und sicheres KI-System aufzutreiben – und zum anderen auf einen Mangel an praktischer Erfahrung. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor: Der Großteil der deutschen Wirtschaft besteht aus kleinen und mittleren Unternehmen, die über flexible Strukturen und Prozesse verfügen, jedoch weniger Spielraum für die notwendigen Investitionen in die Einführung von Technologien haben, die sich noch nicht außerhalb von Testläufen und Pilotprojekten bewährt haben. Auch diesem Aspekt soll die von der Bundesregierung bereitgestellte Förderung begegnen.

Dennoch geht der Trend klar in eine Richtung: Die von PwC vorgenommene Schätzung des Beitrags von KI zur Weltwirtschaft passt mit einer Prognose zusammen, in der von einer  11,3-prozentigen Steigerung des deutschen BIP im selben Zeitraum aufgrund von Entwicklungen auf dem Gebiet der intelligenten Technologien ausgegangen wird. In der Studie wird deutlich, dass ein Großteil der in Deutschland vertretenen Branchen (insbesondere Gesundheit, Energie und Automobilindustrie) durch die Einführung von KI-Anwendungen signifikante Produktivitätssteigerungen erzielen wird. Es wird davon ausgegangen, dass die Einführung von KI über denselben Zeitraum hinweg 430 Milliarden Euro zur deutschen Volkswirtschaft beitragen könnte.

Woher soll dieser Mehrwert kommen? Beispielsweise aus Fabriken, in denen intelligente Maschinen die mithilfe von Tausenden von Sensoren gewonnenen Daten auswerten, um so die Produktion und die Produktqualität zu optimieren. Gleichzeitig testen Unternehmen und Wissenschaftler die Anwendung von Robotern, die mit Menschen zusammenarbeiten und verbinden AR-Technologien mit Produktionsplanungssystem, die wiederum auf KI-Technologien basieren. Die globalen Automobilkonzerne investieren allesamt stark in KI-gesteuerte Fabriken und KI-basierte Lösungen für Fahrassistenzsysteme und autonomes Fahren sowie Betriebs-, Unterhaltungs- und Navigationssysteme.

Der deutsche Energiemarkt ist gekennzeichnet durch ein immer stärker dezentralisiertes System der Energieversorgung aus einer steigenden Zahl von Quellen, welches den Einsatz intelligenterer, KI-basierter Lösungen zur Bewältigung der neuen komplexen Aufgaben erfordert. In der Medizin können KI-Bots nun zur Triage von Patienten, zur Optimierung von Behandlungen sowie zur Überwachung von Operationen genutzt werden.  

Die oben genannte Strategie der Bundesregierung soll 2020 einer Überprüfung unterzogen werden. Bisher ist noch vorgesehen, dass dieser Prozess von Menschen durchgeführt wird. Doch wer würde die Wette eingehen, dass es bis zum Ende des in der von PwC vorgenommenen Schätzung betrachteten Zeitraums keine KI-basierte Lösung geben wird, die eine Strategie zu ihrer eigenen Verbesserung vorschlägt?