Deutschland braucht eine Community

Wie verhält sich ein Medikament in unserem Körper? Wie beeinflusst es die körpereigenen Prozesse und welche Wechselwirkungen hat es mit den Zielmolekülen? Mit ihrer Technologie bietet das Startup CrystalsFirst aus dem Hub Mannheim/Ludwigshafen effizientere und schnellere Einblicke in die Molekularebene von Wirkstoffen und hilft so bei der Entwicklung von Medikamenten. Geschäftsführer und Mitgründer Dr. Serghei Glinca berichtet von ihrer Technologie – und wie er bei CrystalsFirst wahre Teamarbeit erleben durfte.

Top article

Am Anfang steht die Idee

„Grundsätzlich ist ein Medikament ein Molekül, das bestimmte Prozesse im Körper zum Beispiel beeinflussen soll, damit es eine therapeutische Wirkung gibt“, erläutert Dr. Serghei Glinca, „Stell dir vor: Du hast eine neue Idee, wie du eine Erkrankung behandeln könntest und musst überlegen, wie so ein Molekül, also ein Medikament, aussehen könnte. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht man am Anfang möglichst gute und viele Prototypen eines Medikaments. Und das machen wir möglich.“

Um einen solchen Prototyp herzustellen, dauert es in der Pharmaforschung momentan durchschnittlich 4,5 Jahre. Erst dann könne man das Medikament überhaupt „am Menschen testen“, so erklärt Serghei: „Am Anfang ist sehr hilfreich, geradezu ein Muss in der Pharmabranche, zu untersuchen, wie das Zielmolekül, das man beeinflussen möchte, und der Prototyp des Medikaments miteinander wechselwirken.“ Dies geschieht durch Experimente, bei denen man die Proteinkristalle mit dem Prototyp zusammenbringt. Jedoch birgt dieser Schritt eine große Herausforderung für die Pharmaforschung: Die Kristalle können verloren gehen oder werden zerstört. Darunter leiden Qualität und Quantität der Ergebnisse.

„Wir haben eine Technologie, die die Proteinkristalle stabilisiert. Dadurch ist der Durchsatz für die Bandbreite der Experimente viel größer.“ So können mehr Kristalle mit dem Prototyp des Medikaments zusammengebracht werden – und die Wechselwirkung zwischen den Molekülen effizienter beobachtet werden.

„Was wir auf breiter Basis ermöglichen, ist eine schnelle Prototypisierung der möglichen Kandidaten für Medikamentenwirkstoffe durch die Stabilisierung der Proteinkristalle“, fasst Serghei zusammen.

„Teamwork ist kein Konzept, sondern ein Erlebnis“

Seit März 2018 ist CrystalsFirst operativ tätig und bietet die Technologie europäischen Pharmaunternehmen, Biotechs aus den USA und allen Firmen, die Wirkstoffe entwickeln, an. Hinter CrystalsFirst steht ein wachsendes Team. Aus den aktuellen Phänomenen in der Pharmaforschung entstanden 2016 die ersten Ideen für ihre neue Technologie sowie ein Konzept, wie diese Technologie in die Pharmaforschung integriert werden und wie sich diese vermarkten lassen könnte. Ihre Technologie, bei der die Proteinkristalle stabilisiert werden, entwickelte sich schnell zu CrystalsFirst‘s Alleinstellungsmerkmal. In Zukunft möchten sie weiterwachsen, mehr Projekte abarbeiten und gleichzeitig ihre Computermethoden ausweiten, verrät Serghei.

CrystalsFirst hat ihn auch ganz persönlich geprägt, wie im Gespräch mit Serghei schnell deutlich wird. „Durch die Gründung und die Arbeit im Team ist mir klar geworden, dass mir bis dahin weder in der Schule noch in der Uni Teamwork beigebracht worden ist“, resümiert Serghei. Für ihn ist Teamwork nicht länger ein Konzept, sondern ein Erlebnis. Ein Erlebnis, das er bei CrystalsFirst täglich erleben darf.

„Jeder ist ein Einzelkämpfer. In der Schule heißt es immer: Macht Teamwork. Aber das ist nicht Teamwork. Teamwork ist, wenn ich mich voll auf jemanden verlassen kann und man in der Interaktion gemeinsam lernt. Dieses Erlebnis hat eine ganz andere Qualität, weil auch etwas auf der emotionalen Ebene passiert.“

Teamwork bedeutet in seinen Augen sogar noch mehr als „sich auf jemanden verlassen zu können“. Teamwork, so erläutert Serghei, ist auf persönlicher Ebene wie ein Kontrollverlust. Es bedeutet, sich nicht um alles kümmern zu wollen und anderen Vertrauen zu schenken.

„Mehr Mut haben zu vertrauen“

Diese Art der Zusammenarbeit und des Austauschs scheint für Serghei ein wesentlicher Erfolgsbaustein zu sein.

„Wir müssen verstehen, dass Vertrauen und Austausch mutige Menschen stärken. Und wir sollten selbst mehr Mut haben“, fordert Serghei, „Menschen, die es mit ihren Ideen geschafft haben, sollten mit denen sprechen, die noch ganz am Anfang sind.“ Momentan sei der Kontakt zwischen den Firmen und der Startup-Szene zu elitär. Der Community-Gedanke ist noch rar. Grund dafür sei auch die Angst, dass eigene Ideen kopiert werden könnten. Serghei sieht hier jedoch keine Gefahr: Es gehe darum, Erfahrungen auszutauschen und nicht bereits vorhandene Konzepte zu kopieren. „Daher sollten wir mehr Hackathons, weniger Frontalvorträge, mehr ‚Du‘ und weniger ‚Sie‘, mehr fokussierte Meetups und weniger breitangelegte Stammtische, mehr Community und weniger Visitenkarten anstreben.“

„Menschen, die es geschafft haben, sind auch oft gescheitert. Das Scheitern soll weder glorifiziert noch stigmatisiert werden. Was wir als Scheitern verstehen, ist nur eine von sehr vielen Stationen im Leben. Man sollte genauso darüber sprechen – eine Station von vielen. ‚Ich bin selbst mehrmals gescheitert. Ich habe viele Dinge falsch gemacht, aber ich habe weitergemacht und daraus gelernt.‘ Das gibt Mut“, erklärt Serghei, „Ich versuche, zu anderen Kontakt aufzubauen und zu schauen: Wo kann ich mit den Leuten sprechen, um voneinander zu lernen?“

Gerade diese Community ist für Serghei beim Aufbau des eigenen Startups essentiell, sogar wichtiger noch als die gesetzlichen Regularien. Deutschland habe sehr gute Regularien und eine gute technische Basis. Die Startup-Ökosysteme werden jedoch zu oft als Input-Output-System wahrgenommen.

„Was uns fehlt, ist ein informelles Netzwerk: Das Teilen von Ideen. Wir kommen zusammen und unterhalten uns über KI, Biotech oder Ähnliches. Die Feedbackschleifen in einer Community sind sehr schnell. Und schnell Feedback zu erhalten, ist eines der wichtigsten Bedürfnisse eines Startups.“

Daher sei es in seinen Augen auch wichtig, Startup-Ökosysteme als Organismen zu sehen und sich zu fragen: Was braucht so ein Ökosystem? „Die Bedürfnisse eines wachsenden Startups ändern sich ständig. Was wir heute brauchen, das kann nächste Woche schon etwas ganz anderes sein“, erläutert er, „Diese Startup-Journey sollte ein Startup-Ort oder eine Stadt abbilden können, dann funktioniert die Startup-Journey besser, schneller und unterm Strich erfolgreicher.“

„Es sollte da angesetzt werden, wo die eigenen Stärken liegen“

Die Regularien in Deutschland könnten für manche Geschäftsmodelle auch ein Vorteil sein. So könnte Deutschland beispielsweise für Startups, die viel Wert auf Datenschutz legen, zum Standortvorteil werden. Dazu müsste allerdings mehr in diese Bereiche investiert werden.

„Wir sind gut in Naturwissenschaften, in Life Science, Biotech und naturwissenschaftlichen Technologien. Die Forschung ist in Deutschland in diesen Bereichen weltweit führend“, erklärt Serghei, „Aber für die Entwicklung dieser Technologien in markttaugliche Produkte und Anwendungen gibt es einfach viel zu wenig Geld.“ Grund dafür sei in seinen Augen, dass diese Technologien bei der Entwicklung länger bräuchten. „Man braucht einen langen Atem, viel Geduld und Vertrauen, dass die Menschen es tatsächlich schaffen, ein Produkt oder ein Unternehmen großzuziehen.“

Stattdessen investiere man in andere Bereiche: „Es wird reflexartig versucht, ‚Silicon Valley Geschichten‘ nachzuahmen. Es sollte eher da angesetzt werden, wo die eigenen Stärken liegen und wo man sich bewährt hat.“

Mehr Austausch zwischen den Startups und Firmen in einer informellen Community und die Förderung von Bereichen, in denen die eigenen Stärken liegen – Das sind nach Serghei die wichtigsten Verbesserungen in Deutschlands Startup-Landschaft.

„Ich denke, das Potential in der Forschung in Deutschland ist enorm“, schließ Serghei, „Initiativen wären gut, die genau diese Punkte angehen. Bitte mehr Investment in naturwissenschaftliche Technologien und bitte mehr Geduld für die Startups.“