Gründungsstandort Deutschland - mehr als nur Berlin und München

Wie steht es um Deutschland als Gründungsstandort? In unserem Interview spricht Olaf Jacobi, Managing Partner bei Capnamic Ventures, über das Gründerökosystem Deutschland und über eine Startup-Szene, die auch außerhalb großer Städte funktioniert.

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Der Gründungsstandort in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wie würden Sie seine Gesamtsituation aktuell beschreiben?

Ich bin nun seit 1999 im deutschen Startup-Ökosystem aktiv. Wenn ich die Zeit um die Jahrtausendwende mit heute vergleiche, dann sind die positiven Veränderungen und Entwicklungen der letzten 20 Jahre in allen Bereichen offensichtlich. Das gesamte Ökosystem ist erwachsener und größer geworden. Egal ob Gründerinnen und Gründer, Business Angels, Venture Capital Investoren, Anwälte oder M&A Berater - alle Beteiligten sind professioneller, erfahrener und besser vernetzt.

Auch vor 20 Jahren gab es bereits verschiedene regionale Startup-Cluster. Damals war München der bedeutendste Standort an dem sich die meisten Technologie-Gründer und Investoren niedergelassen hatten. Berlin war mehr oder weniger unbedeutend. Heute ist Berlin neben London, Paris und Tel Aviv eines der Top Startup-Cluster in Europa, wobei München gerade bei Technologie-Gründungen mit Berlin auf Augenhöhe ist.

Eine weitere sehr positive Entwicklung ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren immer mehr internationale Gründer-Teams nach Deutschland gekommen sind, um ihre Unternehmen zu starten. Eine wichtige Voraussetzung für international erfolgreiche Tech-Startups ist u.a. der zur Verfügung stehende Talent-Pool an einem Standort. Startups in Berlin und München können heute Mitarbeiter einstellen, die bereits unterschiedliche Erfahrungen in verschiedenen Startups haben.

Welche Branchen und Technologie-Trends sehen Sie als Investor als diejenigen, die entscheidend sind für eine erfolgreiche Digitalwirtschaft in Deutschland?

Branchenübergreifend ist hier die fortschreitende Digitalisierung zu nennen, die Unternehmen dazu befähigt, datengetriebene Prozesseffizienzen zu realisieren, Innovationspotenziale zu erschließen, sowie differenzierende Kundenerlebnisse zu schaffen - und so die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Zudem wird mit zunehmender Datenverfügbarkeit und Rechenleistung auch die Künstliche Intelligenz Einzug in weitere Branchen und Anwendungsfelder halten, etwa im Bereich der Gesundheit. Weiterhin bin ich zuversichtlich, dass wir mit der Verfügbarkeit neuer Technologien aus den Bereichen Cyber Security und Authentifizierung auch im Bereich Financial Services, einer vergleichsweise bereits stark digitalisierten Branche, neue Innovationsimpulse sehen werden.

Kritischer Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Digitalwirtschaft bildet eine leistungsstarke, verlässliche und sichere digitale Infrastruktur. Neue Technologien - etwa der 5G-Mobilfunkstandard oder das Edge Computing - sind hierfür essentiell. Für Deutschland als Industrienation sehe ich hierfür gerade im industriellen Umfeld sowie im Bereich der Mobilität ein großes Potenzial.

Welche Tech-Unternehmen in Deutschland sollte man aktuell im Auge behalten?

Diese Frage kann ich nicht umfassend beantworten. Ich persönlich bin jedoch gespannt, wie die nächsten Schritte von N26, Adjust und Staffbase aussehen werden, nachdem diese kürzlich jeweils eine große Finanzierungsrunde abgeschlossen haben. Es gibt viele junge Technologie-Startups, die ein enormes Potential haben. Für deutsche Tech-Startups besteht die riesige Herausforderung sich gegen vermeintliche Wettbewerber aus den USA und China durchzusetzen. Was die eigentliche Technologie angeht, brauchen wir uns in den meisten Sektoren nicht verstecken. Jedoch müssen wir alle noch viel schneller und aggressiver bei den Markteintritten werden. 

Wie beurteilen Sie die unterschiedlichen Ökosysteme in Deutschland von Berlin bis München?

Die meisten deutschen Startups werden in Berlin gegründet, gefolgt von München. Insgesamt gibt es 5 relevante Startup-Cluster - Berlin, München, Hamburg, Köln und Frankfurt. Aus diesen Städten stammen ca. 50% aller Startups. Was aber auch bedeutet, dass etwa die Hälfte aller Startups nicht aus einem der bedeutenden Cluster stammt, sondern aus kleinen Städten oder sogar aus der Provinz. Die deutsche Startup-Szene sitzt also nicht nur an einem oder an nur wenigen Standorten, wie es zum Beispiel in England mit London oder in Frankreich mit Paris der Fall ist. 

Welche Maßnahmen wünschen Sie sich von der Politik, um den Gründungsstandort Deutschland weiter voranzubringen?

Ich bin kein Politiker und maße mir auch nicht an die Komplexität aller politischen Maßnahmen und Entscheidungen komplett zu durchdringen. Wenn ich mir jedoch die 25 Maßnahmen aus dem Koalitionsvertrag zu den Themen Venture Capital, Start-ups und Unternehmensgründung anschauen, dann klafft aus meiner Sicht eine riesige Lücke zwischen den realen Herausforderungen und den geplanten Maßnahmen durch die Politik.

Häufig wird pauschal mit Bürokratieabbau geantwortet, wenn die Frage nach der notwendigen Unterstützung durch die Politik gefragt wird. Ich sehe das ein wenig anders. Ein Gründer mit einer Idee lässt sich nicht von etwas zu viel Bürokratie abschrecken. Auch stelle ich in Frage, ob eine Gründerzeit (ähnlich der Elternzeit) den Technologie- und Gründerstandort Deutschland fördern würde.

Meiner Meinung wäre es notwendig, sich auf den sofortigen Ausbau von schnellem Internet sowie höhere und langfristige Investitionen in Forschung und Bildung zu konzentrieren. Darüber hinaus wäre eine Überarbeitung der DSGVO sinnvoll, um Wettbewerbsnachteile für deutsche und europäische Tech-Unternehmen zu verringern. 

Die letzten 20 Jahre haben gezeigt, wenn im Bildungs- und Forschungssystem die Themen Unternehmensgründungen und Technologieentwicklung gefördert und ausgebaut werden, dann passiert auch was. Hier sollte die Politik einen Schwerpunkt setzen.

 

 

Olaf Jacobi, Managing Partner bei Capnamic Ventures verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung als Manager, Unternehmer und Investor. Von 1999 bis 2007 gründete und etablierte er mehrere erfolgreiche Startups, die zu mehreren erfolgreichen Exits führten. Darüber hinaus hat er als Business Angel in erfolgversprechende Gründer im Internet- und IT-Sektor investiert. Seit 2007 ist Olaf Jacobi Venture Capital Investor.