Ein Drohnenschwarm kreist über einem Weizenfeld – nicht zur Überwachung, sondern zur Schädlingsanalyse. Ein KI-System berechnet Ernteprognosen auf Basis von Satellitendaten. Parallel entwickelt ein Berliner Startup Schnelltests für Lebensmittel – mit einer Technologie, die ursprünglich für den Chemikaliennachweis in Krisengebieten konzipiert wurde. Willkommen in der Welt von Dual Use.
In Europa sind derzeit rund 260 DefenseTech-Startups aktiv. In Deutschland entwickeln etwa 24 % dieser Gründungen Technologien mit zivil-militärischem Potenzial. Allein 2025 flossen über 900 Millionen Euro in deutsche DefenseTech-Startups – ein Großteil davon nach Bayern, wo München zum europäischen Hotspot wurde. Gleichzeitig digitalisiert sich auch die Agrarwirtschaft rasant: Automatisierung, vernetzte Maschinen und KI-gestützte Sensorik prägen eine Branche, die zunehmend auf Resilienz angewiesen ist.
Was heute auf dem Feld getestet wird, kann morgen in Krisenregionen helfen. Und was im sicherheitskritischen Kontext funktioniert, kann Lebensmittelketten widerstandsfähiger machen. AgriTech und DefenseTech wachsen zusammen – dort, wo es auf Effizienz, Skalierbarkeit und Krisenfestigkeit ankommt.
Resilienz als strategischer Faktor
„Technologische Souveränität ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine zentrale Voraussetzung für Resilienz“, betont der de:hub Security & Defense. In der europäischen Sicherheitsarchitektur gehe es längst nicht mehr nur um klassische Verteidigung – gefragt seien technologische Eigenständigkeit, sichere Infrastrukturen und Innovationen mit Mehrwert für die Zivilgesellschaft.
Auch im Agrarsektor wird Resilienz zum strategischen Produktionsfaktor. Der de:hub AgriFood erklärt: „Sicherheit und Resilienz entscheiden zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit.“ In der Branche seien es Automatisierung, Robotik, KI und biotechnologische Verfahren wie CRISPR/Cas, die neue Chancen eröffnen – aber zugleich neue Abhängigkeiten von digitalen Systemen und globalen Lieferketten erzeugen. Genau hier entstehen Überschneidungen.
Wenn Landwirtschaft vernetzt denkt – und Sicherheit davon profitiert
Dual-Use-Technologien wie Drohnen, autonome Fahrzeuge oder KI-gestützte Sensorik kommen heute in beiden Sektoren zum Einsatz. In der Landwirtschaft liefern sie Umweltdaten, optimieren den Einsatz von Betriebsmitteln und sichern Erträge. In der Sicherheits- und Verteidigungstechnologie helfen dieselben Systeme, kritische Infrastrukturen zu überwachen, Lagebilder zu erstellen oder Krisen frühzeitig zu erkennen.
Ein Beispiel: Driveblocks – ein Startup aus dem de:hub Security & Defense, das ursprünglich Software für autonomes Fahren in der Landwirtschaft entwickelt hat. Heute prüft das Team sicherheitsrelevante Anwendungen für Geländeüberwachung oder Grenzvermessung.
Auch Aurora Tech zeigt, wie Dual Use funktioniert: Das Unternehmen nutzt Satellitenbilder zur Waldbrandprävention, die KI-basierte Software kann aber ebenso zur Lagebildanalyse in Krisengebieten beitragen.
DefenseTech boomt – und sucht Anschluss
2025 markiert einen Wendepunkt: Nie zuvor war das Investoreninteresse an DefenseTech in Europa so hoch. Deutschland liegt vorn – mit etwa zwei Dritteln des europäischen Volumens. In München allein flossen seit 2019 über 1,8 Milliarden Euro in verteidigungsnahe Startups. Hinter dieser Dynamik steckt mehr als nur sicherheitspolitischer Bedarf: Die Technologien sind anschlussfähig – und damit auch wirtschaftlich skalierbar.
KI-basierte Lagebilder, autonome Robotik, resilient vernetzte Infrastrukturen – viele dieser Lösungen funktionieren nicht nur im sicherheitskritischen Raum, sondern auch in zivilen Anwendungsfeldern. Besonders relevant wird das dort, wo Systeme belastbar, mobil und interoperabel sein müssen. Die Landwirtschaft steht exemplarisch dafür.
Sicherheit wird zum Produktionsfaktor
Der Agrarsektor wird digital, automatisiert, vernetzt – und damit auch verwundbarer. Wenn Maschinen mit Sensoren kommunizieren, wenn Erträge auf Basis von Satellitendaten berechnet werden, entsteht ein System, das nicht nur effizient ist, sondern auch abgesichert sein muss. Cybersicherheit, Redundanz, belastbare Infrastrukturen – was bisher vor allem Thema für sicherheitsnahe Bereiche wichtig war, wird jetzt auch in der Lebensmittelproduktion zur Pflicht.
Gleichzeitig liefern AgriTech-Startups Technologien, die sich leicht in sicherheitskritische Szenarien übertragen lassen. Sensorik, Drohnen, KI-basierte Analysen – vieles davon funktioniert im Ackerbau genauso wie in der Umweltüberwachung oder beim Krisenmanagement.
Ein Beispiel ist SAFIA Technologies aus dem de:hub AgriFood. Ursprünglich für Lebensmittelschnelltests entwickelt, wird die Technologie inzwischen im EU-Projekt REACTION eingesetzt – zur Erkennung chemischer Gefahrenstoffe in der Lebensmittelversorgung. Vom zivilen Ursprung in den sicherheitsrelevanten Einsatzraum: ein klassischer Dual-Use-Transfer.
Dual Use braucht Praxis – und europäische Perspektive
Damit Technologien zwischen Sektoren funktionieren, braucht es mehr als Schnittstellen – es braucht Orte, an denen Zusammenarbeit konkret wird. Genau das leisten die de:hubs in Osnabrück, Hannover und München: Sie schaffen Testfelder, in denen Startups ihre Lösungen unter realen Bedingungen validieren – technisch, regulatorisch und im Zusammenspiel mit Nutzerinnen und Nutzer aus verschiedenen Bereichen.
Denn viele Herausforderungen – von Versorgungssicherheit bis Krisenprävention – betreffen nicht nur einzelne Branchen, sondern ganz Europa. Je früher interoperable Systeme gemeinsam gedacht und erprobt werden, desto robuster werden sie. Dual Use ist dabei kein Spezialfall, sondern eine Chance: für praxisnahe Innovation, sektorübergreifende Resilienz – und ein technologisch souveränes Europa.

