Geopolitische Unsicherheit und technologischer Wettbewerb sorgen dafür, dass Innovationsfähigkeit für viele Unternehmen in Europa zur Überlebensfrage wird. Der deutsche Mittelstand ist dabei keine Ausnahme. Startups können hier als Impulsgeber helfen – ob mit disruptiven Technologien, digitalen Services oder einfach mit einem frischen Blick auf Märkte. Um sich diese Innovationskraft ins Haus zu holen, gingen mittelständische Unternehmen bisher klassische Wege wie langfristige Kooperationen, Beteiligungen oder Pilotprojekte. Doch für immer mehr Unternehmen könnte das Konzept des Venture Clienting mittlerweile attraktiver sein.
Klassische Kooperationen: Noch zeitgemäß für Startups und Mittelstand?
Die Zusammenarbeit zwischen Startups und KMU konzentriert sich bislang vor allem in einzelnen Bereichen. So ist die Kooperationsquote in der Automobilindustrie mit 60 Prozent fast dreimal so hoch wie in anderen Wirtschaftszweigen. Das Potenzial wäre eigentlich auch in anderen Industrien hoch, außerdem wächst die Zahl der Startups. Trotzdem ist die Zahl der Kooperationen in den vergangenen Jahren zurückgegangen: In einer aktuellen Studie des Digitalverbandes Bitkom geben 65 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland an, bisher keine Zusammenarbeit mit Startups eingegangen zu sein. Die Hauptgründe: fehlende Kontakte, fehlende Zeit und fehlende Ressourcen. Auch Unterschiede in der Unternehmenskultur sind für langfristige Partnerschaften teils hinderlich. Zudem hakt es gerade bei Beteiligungen nicht selten an den finanziellen Mitteln der KMU.
Venture Clienting: Das sind die Vorteile für Unternehmen
Eine Antwort auf die Hürden klassischer Kooperationen oder Beteiligungen ist Venture Clienting. Das Prinzip dahinter ist schnell erklärt: Ein Unternehmen kauft zum Beispiel die technologische Lösung, das Produkt oder die Dienstleistung eines Startups – und nicht dessen Anteile. Dabei wird es weder zum langfristigen Partner, noch zum Investor, sondern schlicht zum Kunden des Startups.
Die Vorteile: Der zielgerichtete Kauf von Lösungen der Startups ist schnell, die Innovationszyklen werden kürzer, die Skalierbarkeit konkreter. Langfristige Beteiligungsverfahren und Vertragsabstimmungen können umgangen werden, zudem brauchen Unternehmen keine eigene Innovationsabteilung oder einen Kulturwandel. Statt großer Investitionssummen zahlen sie nur für den konkreten Use Case. Auf der anderen Seite bekommen Startups, neben einer neuen Einnahmequelle, auch die Möglichkeit, Produkte und Lösungen auf dem Markt zu validieren – und damit auch belastbare Referenzobjekte.
Die richtigen Anlaufstellen für den Mittelstand
Venture Clienting wird derzeit vor allem von Großunternehmen in der Industrie, Automobil- und Energiewirtschaft genutzt. In Zukunft könnten aber zunehmend auch kleine und mittelständische Unternehmen Startup-Lösungen gezielt einkaufen, um ihre Transformation zu beschleunigen.
Auch hierbei ist die enge Vernetzung zwischen Mittelstand und Startup-Ökosystemen wichtig. An verschiedenen Standorten unterstützen die Hubs der de:hub Initiative Unternehmen deshalb gezielt mit Venture-Clienting-Programmen:
InsurTech München: Frische Impulse für den Versicherungssektor
Mit dem Venture Client Programme bringt der de:hub InsurTech München Startups mit etablierten Versicherern zusammen – und zwar strategisch, entlang jährlich wechselnder Schwerpunktthemen wie Nachhaltigkeit, KI oder digitale Kundenschnittstellen.
Das Ziel ist die Entwicklung widerstandsfähiger, kundenzentrierter und zukunftssicherer Lösungen für den Versicherungssektor. Für Startups ergeben sich dabei gezielte Anbindungen an die Industrie, um ihre Potenziale schon frühzeitig voll entfalten zu können. Das Programm endet traditionell mit dem Insurance Innovation Summit Ende November.
Smart Infrastructure Leipzig: Mehr Orientierung für den Mittelstand
Der de:hub Smart Infrastructure beschleunigt Innovationen in den Bereichen Energie, Gesundheit und Smart City, indem er mittelständische Unternehmen durch Beratung, individuelle Workshops und Best-Practice-Empfehlungen zum Thema Venture Clienting sensibilisiert. Mit einem breiten Pool an innovativen Startups bietet er beste Voraussetzungen für Unternehmen, die passende Lösung für ihre Transformation zu finden. Das langfristige Ziel des de:hubs ist die skalierbare, positive Einflussnahme auf die Industrielandschaft in Deutschland.
InsurTech Köln: Ein Katalysator für gemeinsame Innovation
Im de:hub InsurTech Köln profitieren Startups, Scaleups und etablierte Versicherungsunternehmen vom Collaboration-Programm, das in einem Zeitraum von sechs Monaten die Grundlagen für erfolgreiche Venture-Clienting-Projekte schafft. Im Fokus steht die Entwicklung gemeinsamer Use Cases. Die intensive Zusammenarbeit fördert die Innovationskraft zwischen den Beteiligten und hilft Unternehmen dabei, Ziele schneller und effektiver zu erreichen. Für Startups bietet das Programm zudem jede Menge Sichtbarkeit: Neben der Bühnenpräsenz auf Netzwerk-Events des de:hubs erhalten die Teams auch die Chance auf Repräsentanzen auf einschlägigen Fachmessen.
Matchmaking und Co-Innovation: de:hub Initiative fördert Zusammenarbeit
Auch abseits der Venture-Clienting-Programme unterstützt die de:hub Initiative Unternehmen an vielen Standorten in Deutschland bei der Suche nach passenden Innovationspartnern – zum Beispiel durch Matchmaking- und Co-Innovations-Formate, welche gezielt die Zusammenarbeit mit Startups fördern.
So vernetzt der de:hub DeepTech mithilfe des Berlin Goes Global Programm Startups mit praxisnahen Partnern aus der etablierten Wirtschaft und ermöglicht den Gründungsteams zudem Auslandsreisen zur Vorbereitung auf die Internationalisierung. Der de:hub Smart Systems treibt mit Formaten wie dem Thin[gk]athon intensive Co-Innovation zwischen Wirtschaft, Forschung und Startups an. Ein weiteres Beispiel ist der Logistics & Commerce Hub Hamburg, der mit „Match Machine” und dem „Boostcamp” zwei Programme für die gemeinsame Lösungsfindung sowie für Pilotprojekte betreibt.
Venture Clienting ist keine Zukunftsvision mehr – sondern eine pragmatische Antwort auf die Innovationsfragen der Gegenwart, gerade für den Mittelstand.


